Exkurs

(Auszug meiner Abschlussarbeit der maltherapeutischen Ausbildung am MIHK)

Wie geschieht Heilung beim Malen ?


Um zu verstehen, wie Heilung geschieht, möchte ich zunächst die Begrifflichkeiten klären:

Was bedeutet Heilung? Was heißt es, heil zu sein? Was heißt es, un-heil, also krank zu sein? Und was meinen wir, wenn wir von Gesundheit sprechen?

 

Heilung

 

Heilung, Gesundheit, Krankheit – was ist das ?

 

Begründet durch den Philosophen René Descartes ist unsere Vorstellung vom Menschen seit dem 17. Jahrhundert bestimmt von der Trennung von Körper und Geist. Der Körper erscheint als eine biologische Maschine. Und obenauf, im Kopf,  sitzt der Geist, der diese Maschine in einem nur begrenzten Rahmen steuern kann. Körperliche Prozesse folgen biologischen Regeln und brauchen eigentlich keinen Geist, um zu funktionieren; sie existieren unabhängig davon.

 

Ein fehlerloses Funktionieren der Maschine, und damit die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen, wird als Gesundheit verstanden.

 

Menschen erleben sich zumeist als weitgehend getrennt von ihrem Körper, der als etwas völlig Eigenständiges empfunden wird, was besonders dann deutlich hervortritt, wenn der Körper einmal krank ist. Er wird dann oft als geradezu fremd empfunden. Wenn z.B., starker Schmerz von ihm ausgeht, wundert sich der Geist, warum die „Maschine“ nicht funktioniert. Entsprechend dieser Trennung von Körper und Geist ist der moderne Gesundheitsbetrieb der westlichen Welt noch immer so organisiert, dass man für unterschiedliche Beschwerden unterschiedliche „Werkstätten“ findet: Es gibt „Werkstattleiter“ für die Zähne, die Augen, die Ohren, die Knochen usw. Dort gibt man seinen Körper ab, wie ein Auto, um ihn vom entsprechend Zuständigen reparieren zu lassen. Körperteile und Organe werden hier mit viel Aufwand und technischem Können behandelt, um auftauchende Symptome wieder zum Verschwinden zu bringen. Heilung wird so zu einer bloßen Rückkehr in einen Zustand der Funktionsfähigkeit.

 

Diese Sichtweise war nicht immer so und sie verändert sich immer mehr in Richtung einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen. Der Mensch wird dabei wieder als eine Einheit erkannt von Körper, Geist und Seele. Alle Ebenen sind miteinander verbunden und müssen im Gesamten betrachtet werden.

 

Die sich wandelnde Sicht auf den Menschen hat auch zu einer Erweiterung der Definition von Gesundheit geführt:

 

Sie wird betrachtet als ein „ungestörtes Funktionieren eines Organismus mit subjektiv empfundener Lebensqualität (Wohlbefinden) und objektiv feststellbarem körperlichem, geistigem und seelischem Gleichgewicht (…) und nicht nur als die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen.“[1]

 

Heilung stellt sich mithin dar als die Rückkehr von Körper, Geist und Seele in einen Zustand des Gleichgewichts, der Balance.

 

Der Begriff der Psychosomatik ist mittlerweile fest etabliert und zeigt, dass sich Gefühle auf den Körper auswirken können.  Sätze wie z.B. „Mir ist etwas auf den Magen geschlagen.“, „Die Last erdrückt mich.“, „Das bereitet mir Kopfzerbrechen.“ und vieles mehr, legen die Betrachtung nahe, dass der Mensch in sich hinein hören muss, dass er erkennen und lernen muss, was die Krankheit ihm zu sagen hat. 

 

Wohl mit die bekanntesten Schriftsteller im Bereich der Psychosomatik, Thorwald Dethlefsen und Rüdiger Dahlke, beschreiben Krankheit als ein Ungleichgewicht im Bewusstseins eines Menschen. Dieses Ungleichgewicht kann im Körper als Symptom sichtbar werden.

 

„Der Körper ist somit die Darstellungs- oder Verwirklichungsebene des Bewusstseins und damit auch aller Prozesse und Veränderungen, die im Bewusstsein ablaufen.“[2]

 

Das jeweilige Symptom signalisiert ihm: „Mir fehlt etwas“ – würde ihm nichts fehlen, so wäre er ja heil, also ganz und vollkommen. Wenn dem Menschen aber etwas zu seinem Heil fehlt, dann ist er un-heil, also krank. Diese Krankheit macht den Menschen aber heilbar.

 

Sie ist der Wendepunkt, an dem sich das Un-Heil in Heil wandeln lässt. Heilung ist immer eine Annäherung an dieses Heil, den Zustand von Ganzheit und Vollkommenheit. Sie geschieht auf allen Ebenen unseres Seins.

 

Ganz entscheidend finde ich: Wenn ein Ungleichgewicht im Bewusstsein zu Symptomen auf körperlicher Ebene führen kann, so kann eine Veränderung des Bewusstseins auch unmittelbar eine Veränderung des Körpers – und damit Heilung – bewirken.

 

Deshalb ist es so wichtig, unser Bewusstsein zu aktivieren, wenn wir Heilung wünschen.

 

Bewusstsein ist eine grundlegende Erscheinung des Universums und existiert in allen Dingen unterschiedlich. Nach Rudolf Steiner wird es definiert als Tätigkeit, Erfahrung und Ausdruck des Geistes. Jeder Mensch sei Geist und hätte Bewusstsein. Es umfasse den Intellekt (bewusstes Erfassen von sachlichen Fakten u. Anwendung im täglichen Leben), die Imagination (bewusstes Denken in Bildern, Visualisierung, bildhafte Erinnerungen), die Inspiration (bewusstes fühlendes Denken durch Eingebung) und die Intuition als höchster Ebene (bewusstes Erleben eines rein geistigen Inhaltes, das im rein Geistigen verläuft).[3]

 

Gefühle können sich also auf den Körper auswirken. „Wie genau funktioniert das?“, frage ich mich. Es stellt sich heraus, dass Gefühle gekoppelt sind an Gedanken. Gedanken allein bewirken noch keine Veränderung, sie sind eher flüchtige Phantome. Sind sie verbunden mit Gefühlen, werden Kräfte freigeschaltet, die Veränderungen hervorrufen können. Und je stärker eine Empfindung ist, desto prägender wirkt sie sich aus auf die Strukturen unseres Gehirns und unseres Bewusstseins. Ein Gedanke, von dem wir vollkommen überzeugt sind und der mit starken Gefühlen verbunden ist, neigt dazu, sich in materielle Wirklichkeit zu verwandeln. Dies ist abhängig von der Empfindungsintensität. Erweist sie sich als mächtig genug, wird die Realität entsprechend geformt – egal, ob zum Guten oder Schlechten.[4]

 

Ulrich Warnke, ein renommierter Bio-Physiker, bringt diesen Prozess des Formens von Wirklichkeit durch die Verbindung von Gedanken und Gefühlen sehr gut auf den Punkt:

 

Beim Menschen übernimmt die Empfindung die Funktion der Fokuslinse. Die Gedanken werden dann zum Träger der gebündelten Energie, der Wille legt das Ziel fest, und das Wollen aktiviert den Prozess der Verwirklichung. Sofern diese Kette von Ereignissen ungehindert abläuft, wird ein Energiefeld gelenkt, das überall sichtbare Spuren hinterlässt, bis hin zum Quantenbereich der Atome. Mit Wünschen und Hoffen allein ist es also nicht getan. Wer sich darauf verlässt, dass sich bereits eine vage Sehnsucht erfüllen könnte, wird leer ausgehen. Erst der unbedingte, ernsthafte Wille generiert die Kräfte der Veränderung. Das Wollen formt sich zur Tat, das Fühlen verwirklicht die energetischen Möglichkeiten (…) Die wesentliche Voraussetzung für einen Einfluss auf die vermeintliche Realität ist daher der planende Gedanke, der zielgerichtet ein bestimmtes  Ereignis antizipiert und es mit starken Gefühlen besetzt.“[5]

 

Mit der Verbindung von einem „starken“ Gedanken und einem „starken“ Gefühl, halten wir also ein mächtiges Werkzeug in Händen, das wir für unsere Heilung einsetzen können.

 

Wenn nun Gedanken und Gefühle uns und unsere Wirklichkeit auf so beeindruckende Weise beeinflussen können, wird ersichtlich, dass der feste Glaube an eine Heilung, das starke Empfinden von Zuversicht, die Heilung begünstigen kann.

 

Vielfältige Studien beweisen, dass dieser sogenannte Placebo-Effekt sich positiv auf die eigene Heilung auswirkt. Und Studien der Neurophysiologie zeigen, dass dieser Effekt unmittelbar körperliche Veränderungen bewirkt.[6]

 

Überzeugung, und damit Geist, verändert Materie.

 

Heilungschancen hängen also ganz entscheidend ab von der inneren Einstellung. Der feste Glaube an die Möglichkeit einer Heilung ist eine Art Türöffner, damit Heilung geschehen kann.

 

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Überzeugungen Heilung auch verhindern können. Haben sich z.B. Glaubenssätze fest eingeprägt, wie „Mir kann keiner helfen.“, ist es sinnvoll, diese aufzulösen, sie zu befreien, umzuwandeln in z.B. „Ich kann gesund werden.“  Denn: Diese Glaubensätze prägen die Wirklichkeit dieses Menschen. Menschen hängen oft so stark daran, dass sie sie für Wirklichkeit halten, auch wenn sie möglicherweise falsch sind.

 

Beim Mal-Begleiten fragen wir deshalb häufig: „Kennst du das aus deinem Leben?“  Wir kommen Glaubenssätzen, Einstellungen und Mustern auf die Spur und können sie der/dem Malenden bewusst machen und so eine Wandlung einleiten.

 

Wer heilt denn da ?

 

Die Fähigkeit zur Selbstheilung ist eine mächtige Kraft. Allein unser Immunsystem leistet täglich viel, um Eindringlinge wie Viren und Bakterien zu bekämpfen, Wunden zum Heilen zu bringen, uns im Gleichgewicht zu halten. Immer wieder benötigt diese Fähigkeit aber auch Unterstützung von außen. Denn, sind die Symptome einmal da, dann zweifelt man schnell, ob die eigene Kraft ausreicht, um wieder in Balance zu gelangen.

 

Nehmen wir als Beispiel den Placebo-Effekt. Statt eines Medikaments erhalten Patienten nur eine, meist mit Zucker gefüllte, Kapsel. Der Patient nimmt sie zu sich, im Glauben, ein Medikament heile ihn. Doch das Medikament ist nicht vorhanden, dennoch wird er geheilt. Was ihn also heilt, ist der Glaube an seine Heilung. Der Glaube an die Möglichkeit einer Heilung ist also eine wichtige Voraussetzung, um wieder heil zu werden.

 

Ebenso wichtig sind eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Patient und Heiler sowie die Zuwendung des Heilers. Sie zeigen sich bei den Placebo-Experimenten als besonders wirksam und die Selbstheilungskräfte fördernd. Denn der Patient, der die Zuckerpille in dem Glauben schluckt, sie enthalte eine wirksame Medizin, macht dies, weil er dem Heiler vertraut, weil er sich von ihm angenommen und verstanden fühlt und weil er von dem Heiler in dem Glauben an die Heilung bestärkt wird.

 

Doch: Letztendlich ist es das Bewusstsein, das heilt – und zwar das eigene. So brauchen wir im Akut-Fall, z.B. nach einem Autounfall, zweifelsohne einen Arzt, der unsere Knochen wieder richtet, die Wundränder vernäht, aber wirklich heilen kann dieser Arzt uns nicht. Er schafft die Voraussetzungen dafür. Er bringt uns gewissermaßen an den Punkt, wo diese Heilung geschehen kann.

 

Er kann mir helfen, indem er mich an die Schwelle zur Ursache meiner Krankheit oder meines Symptomes begleitet, mein Bewusstsein zu diesem oft blinden Punkt führt, und mich dann die letzten Schritte alleine gehen lässt. Er öffnet mir eine Tür, hindurchgehen muss ich selbst.

 

Ein wichtiger Schlüssel im Prozess der Heilung ist außerdem die Bereitschaft, sich berühren zu lassen, sich zu öffnen. Die Bereitschaft, sich auf den Weg zu machen - denn Heilung beschreibt einen Weg. Nur in den wenigsten Fällen ist Heilung ein abgeschlossener Prozess. Heilung ist eher ein ständiges Sich-Ausbalancieren als ein statischer Zustand. Sie ist ein Weg zur Zufriedenheit, ein Weg zum Glück, ein Weg im Einklang, mit dem was ist. Jeder Mensch trägt den Kern und den ureigenen Weg der Heilung in sich -  und so ist jede Heilung im Kern eine Selbstheilung, sie geschieht von innen heraus.

 

Der Heiler oder Arzt verhält sich damit zur Heilung in etwa wie die Hebamme zur Geburt. Er aktiviert die Selbstheilungskräfte des Patienten, hilft ihm bei der „Geburt“ der eigenen Heilung. Der Patient heilt sich grundsätzlich selbst – durch die Veränderung seines eigenen Bewusstseins, durch den festen Glauben an die Möglichkeit einer Heilung, durch die Bereitschaft, sich dafür einzusetzen und die Heilung am Ende auch anzunehmen.

 

Vom Wert des inneren Bildes

„Die Seele denkt nie ohne ein inneres Bild.“[7] (Aristoteles)

 

In unserem Leben dreht sich vieles um Bilder; sie bestimmen unsere Wirklichkeit. Wir denken in Bildern, nehmen Ereignisse als Bilder wahr, speichern Erlebnisse als Bilder im Gedächtnis. Bilder bestimmen unsere Gefühle, wir träumen in Bildern und sammeln innere Bilder vom Moment unserer Geburt an. Es gibt individuelle Bilder und auch kollektive, ganze Gruppen bis hin zu Nationen können einem gemeinsamen Bild, einer Idee folgen, die die Wahrnehmung ihrer Welt beeinflusst und steuert.

 

Gerald Hüther, ein Göttinger Forscher, hat nachgewiesen, dass alles, worauf wir mit Ausdauer und Interesse unsere Aufmerksamkeit richten, im Gehirn Veränderungen hervorruft. „Wege und Straßen“ werden gebahnt, Verschaltungen gefestigt.[8] Durch Stress, Angst oder Krankheit können wir aber gezwungen werden, neue Wege zu bahnen, weil wir auf den alten plötzlich nicht mehr weiter kommen. Wir sind gezwungen, unsere Aufmerksamkeit, unser Bewusstsein, neu auszurichten, anders wahrzunehmen, so dass das Gehirn sich neu strukturieren kann. Erst dann gelangen wir wieder ins Gleichgewicht, aus dem Stress, Angst oder Krankheit uns zunächst herausgebracht haben.

 

Die Vorstellung, dass Bewusstsein, Gedanken und Phantasie eine formende Kraft besitzen, ist uralt. Schon Paracelsus (Theophrastus von Hohenheim) hielt die Imaginatio, die Vorstellungskraft, für entscheidend im Heilungsprozess.

 

„Der Mensch besitze eine sichtbare und eine unsichtbare Werkstatt, (…), die sichtbare sei der Körper, die unsichtbare die Imagination. Sie sei die Sonne in der Seele des Menschen. Der Geist sein Meister, die Seele sein Werkzeug, der Körper das formbare Material.“[9]

 

Für Paracelsus bedeutete das „Einbilden“, das Imaginieren, eine höchst formende Kraft, die Veränderungen ein-bilden konnte – aus einem inneren Bild wird dabei eine greifbare Wirklichkeit – und damit alles andere als eine Illusion.

 

Dass diese formende Kraft der Imaginatio langsam wieder ins Bewusstsein der Menschen tritt, zeigt ein wunderbares Beispiel:

 

In Wien hat der Allgemeinarzt, Onkologe und Psychotherapeut Dr. Thomas Schmitt eine „Ärztlich-Schamanische-Ambulanz“ ins Leben gerufen. Krebspatienten werden hier mitgenommen auf eine schamanische Reise. Begleitet vom Trommelrhythmus werden die Patienten in eine Trance geführt. Während der Trance steigen Bilder wie von selbst aus den tiefsten Schichten des Bewusstseins auf, Bilder, die mit ins reale Leben genommen werden, um dort ihre Heilkraft zu entfalten. In einem Interview für den Film „Das Geheimnis der Heilung“ sagte Schmitt:

 

„Die Schulmedizin ist reich an Technik, aber arm an Bildern. Sie ist reduziert auf Laborwerte und Röntgenbilder, sie vernachlässigt gänzlich die Seele. Wenn aber das Märchenhafte hinzukommt, wenn die Phantasie im Menschen selbst geweckt wird und er seine persönlichen inneren Bilder findet, dann kann er eine Kraft entwickeln, die wesentlich zur Heilung beiträgt.“[10]

 

Forschungen haben erwiesen, dass im Gehirn nicht unterschieden wird zwischen realen und vorgestellten Handlungen. Innere und äußere Bilder werden in denselben Arealen des Gehirns abgebildet. Auf physiologischer Ebene kann das Gehirn nicht unterscheiden, ob etwas tatsächlich geschieht – oder eben nur in unserer Vorstellung. Und dies hat weitreichende Folgen. Negative Gedanken wollen genau wie die positiven wahr werden – vor allem dann, wenn sie sich in plastische Bilder kleiden – denn das Bewusstsein erlebt sie bereits als wahr.[11]

 

Hinzu kommt, dass wir Dinge nicht unbedingt so wahrnehmen, wie sie sind. Uns ist nicht bewusst, dass alles, was wir wahrnehmen, auf der Grundlage dessen geschieht, was wir bisher wahrgenommen haben. Kennen wir eine Situation als „schlecht“, dann werden wir sie nur als „schlecht“ wahrnehmen, selbst wenn sie uns Gutes will. Wir sehen nur das, was wir bereits kennen. Wir glauben, dass die Dinge so sind, wie wir sie innerlich wahrnehmen oder wahrgenommen haben.

 

Auf diese Weise wird vom Bewusstsein jede Wahrnehmung durch den Filter unserer inneren Muster geleitet.

 

Innere Bilder bestimmen also unsere Wahrnehmung der Welt.

 

Verändern wir nun aber diese Bilder – so muss dies folgerichtig eine Auswirkung auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit haben.

Denn dem Gehirn stehen dann neue (veränderte) Bilder zur Verfügung, die die Wahrnehmung der Welt auf neue Weise beeinflussen.

 

Es ist allerdings nicht ausreichend, sich einfach ein neues Bild vorzustellen. Neue Verschaltungen im Gehirn entstehen durch tatsächliche Erfahrungen – verbunden mit einer emotionalen Beteiligung und einem kreativen Akt.[12]

 

An dieser Stelle setzt das Begleitete Malen an als eine wunderbare kreative Möglichkeit, unserer inneren Welt malend nicht nur neue Bilder zu schenken – sondern auch, alte Bilder, die uns nicht gut tun, zu verändern und zu heilen.

 

Wenn sich nun die menschliche Seele in Bildern ausdrückt - und selbst im Zustand des Schlafes „bildern“ wir ja in unseren Träumen – dann beginnt man zu erahnen, welche Kraft das malende Bildern für uns entfalten kann.

 

Bildern meint hier das seelische Potenzial des Menschen, eigene Bilder zu erschaffen.[13]

 

Verändern wir unsere inneren Bilder, verändern wir uns. Das schafft Raum für Heilung.

 

Wie geschieht Heilung beim Begleiteten Malen ?

 

Malen macht also Heilung möglich. Und wie?

 

Das erweiterte Kontakt-Dreieck

 

Ich denke, um diese zentrale Frage zu beantworten, muss unterschieden werden zwischen Faktoren, die im Vorfeld eine Heilung begünstigen und unterstützen und solchen, die wirklich unabdingbar sind für eine Heilung durch das Malen.

 

Zur Veranschaulichung habe ich das Kontaktdreieck des Begleiteten Malens etwas erweitert und es in einen Kreis eingebettet. Dieser äußere Kreis enthält die unterstützenden Faktoren beim Malen. Der innere Kreis, die Heilung selbst, befindet sich innerhalb des Kontaktdreiecks, denn dort findet Heilung statt – also nur im Kontakt.

Zur Vereinfachung werde ich im Folgenden von der Malenden und der Malleiterin schreiben – gemeint ist aber immer, dass sowohl Malende als auch Malleiterin natürlich auch männlich sein können.

Äußerer Kreis: Unterstützende Faktoren

 

Auf diese Faktoren möchte ich jeweils nur kurz eingehen.

Zunächst allgemein:

1)     Das humanistische Menschenbild und der Begriff der Aktualisierungstendenz:

Der Mensch wird danach verstanden als eine Einheit von Körper, Geist und Seele. Er ist fähig und bestrebt, sein Leben selbst zu bestimmen, ihm einen Sinn und ein Ziel zu geben. Er ist in der Lage, zu wählen und selbst zu entscheiden, besitzt ein Bewusstsein über sich selbst und seine Persönlichkeit entwickelt sich mit dem Ziel, sich selbst zu verwirklichen. Entsprechend gibt es im humanistischen Denkmodell den Begriff der Aktualisierungstendenz, nach dem der Mensch bestrebt ist, zu wachsen und sich zu entfalten und er eine Kraft besitzt, die auf etwas zu leben will.

Der vorbereitete Mal-Raum:

Hierbei handelt es sich um einen geschützten Ort mit stetig gleicher Atmosphäre. Störungen und Ablenkungen von außen sind weitgehend ausgeschaltet. Er liegt vorzugsweise ruhig, ist ausgestattet mit holzverkleideten Wänden, einer großen Farbpalette mit hochwertigen Gouache-Farben, Pinseln, Papier, gutem Tageslicht entsprechenden Licht –  mit allem, was man zum Malen braucht.

Die Konstanz dieses Raumes hilft den Malenden, schneller in Kontakt zu kommen mit ihrer Innenwelt und an dem Punkt fortzufahren, an dem sie beim letzten Mal aufgehört haben.

Außerdem sind Atelierregeln einzuhalten, wie z.B. Ruhe halten, niemand redet über die Bilder der anderen, die Bilder werden nicht bewertet, kein Essen und Trinken oder Telefonieren im Atelier.

 

Von Seiten der Malenden:

1)    Freude am Malen:

Vertreter der Humanistischen Psychologie beschreiben den Menschen als ein kreatives und veränderungsbereites Wesen. Der Mensch dränge zum kreativen Ausdruck, es gehöre zu seinen eigentlichen Grundlagen. („Kreativität ist nicht eine spezielle Begabung oder gar Betätigung; sie ist das Wesen des Menschen.“[14]) Natürlich kann man auch mal keine Lust haben zu malen, doch ohne die grundsätzliche Freude daran, mit den Farben umzugehen, ist Begleitetes Malen kaum möglich.

Offenheit:

Hier geht es darum, dass es hilfreich ist, wenn der malende Mensch offen bleibt für das, was beim Malen mit ihm geschieht, dass er sich darauf einlässt, etwas zu erleben sowie seine Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen.

3)    Bereitschaft, sich auf den Weg zu machen:

Bereit zu sein, sich auf den Weg zu machen, bedeutet, bereit zu sein, sich auf einen Heilungsweg einzulassen. Bereit zu sein, Erfahrungen zu machen, Heilendes im Malprozess zu erleben und anzunehmen.

4)     Stehende, aufrechte Malhaltung:

Diese Malhaltung begünstigt den Ausdruck. Außerdem wird das Malpapier so hoch aufgehängt, dass man sich beim Malen strecken muss – so steht man offen vor seinem Blatt, bereit für die Bilder, die kommen mögen.

 

Von Seiten der Malleiterin:

1)     Gestalt-Haltung:

Dazu zählt vor allem Präsenz, Zugewandtheit, Wohlwollen, Authentizität, seelisches Berührt-Sein, inneres Erleben, Demut in der Arbeit.[15]

2)    Klienten-zentrierte Einstellung:

Sie basiert auf der Klienten-zentrierten Psychotherapie nach Carl R. Rogers und umfasst Kongruenz (Echtheit), Akzeptanz (bedingungsfreie Wertschätzung) und Empathie (einfühlendes Verstehen). Empathie gehört zu den grundlegenden Eigenschaften des Menschen und seit Entdeckung der Spiegelneuronen wissen wir auch, dass sie als Funktion im Gehirn mittels dieser speziellen Nervenzellen angelegt ist.

Es hat sich gezeigt, dass allein diese Grundhaltung gegenüber dem Klienten schon sehr viel Gutes bewirkt:

 

„Eine Therapie ist offenbar dann am erfolgreichsten, wenn alle drei Bedingungen erfüllt werden.“[16]

 

3)     Interpretationsfreiheit:

Interpretationen beschränken unsere Möglichkeiten, zuzulassen, was aktuell ist, uns für etwas Neues zu öffnen und es aufzunehmen. Als Vermutungen werden sie mit dem abgeglichen, was bereits erlebt wurde und was gewusst wird – auf diese Weise führen sie zur Festigung der aktuellen Hirnstruktur, eröffnen uns aber keine neuen Wege.

4)     Wertungsfreiheit:

Für das Entstehen der Bilder ist es wichtig, dass nicht bewertet wird, was erscheint. Jeder malt so gut, wie er kann, jeder bemüht sich beim Malen. Jedes Werten würde dazu führen, dass die Malende sich verletzt fühlt, nicht weiter kommt mit dem Bild und sich nach äußeren Maßstäben von „richtig“ und „schön“ orientiert. Die Echtheit des ureigenen Ausdrucks würde zerstört, das neue Bild wäre nicht wirklich neu und könnte auch keine heilende Wirkung entfalten.

 

Das Kontaktdreieck

 

Nun kommt für mich der Punkt, an dem die Heilung wirklich beginnen kann: beim Malen.

Der innere Bereich meines Modells ist das Kontaktdreieck nach Bettina Egger.[17] Dieses Dreieck besagt, dass während des Malprozesses ein wechselseitiger Kontakt aller drei „Beteiligten“, Bild, Malende und Malleiterin, notwendig ist, wenn das Malen und das Bild einen heilenden Effekt auf die Malende haben sollen.

 

Kontakt stellt sich für mich als D E R zentrale Begriff des Begleiteten Malens dar.

 

Ohne Kontakt kann man zwar malen, aber es kann keine Heilung geschehen.

 

Die Gestalttherapie spricht bei Kontakt von einer „dynamischen Beziehung“[18]. Dieser Begriff impliziert bereits, dass nicht nur die Malenden auf die Bilder Einfluss nehmen, sondern dass umgekehrt auch die Bilder Einfluss auf die Malenden ausüben – sie verändern – und zwar, dass sie dies nicht nur können, sondern müssen, sonst hat gemäß der Definition kein Kontakt stattgefunden.

Solche Veränderungen können während des Malens im Bild sichtbar werden. Bettina Egger beschreibt das in ihrem Buch „Der gemalte Schrei“ sehr bildhaft:

 

„Teile werden übermalt, Vorstellungen von dem, was  oder wie gemalt werden sollte, verändern sich, Neues wird wichtig. Oft verändert sich die Stimmung der Malenden. Fast immer kann die Veränderung auch physisch beobachtet werden: Veränderung des Atemrhythmus. Lachen, Weinen, Auftreten oder Verschwinden physischer Schmerzen. Ein starkes Gefühl von „so ist es richtig“ und von Überraschung begleitet solche Kontaktmomente. Ein weiteres Zeichen für geschaffenen Kontakt besteht darin, dass die Malenden konkrete Erinnerungen, nicht Gefühle, haben und ihnen neue Zusammenhänge einfallen.“[19]

 

Diese konkreten Erinnerungen kommen oft während des Malens, können aber auch noch viel später ins Bewusstsein dringen, denn die Bilder wirken nach. So kann es auch noch zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Nacherleben von Ereignissen kommen, zu einem neuen Umgang damit, zur Integration des Erlebten und zu einer Wandlung der mit den Bildern gespeicherten Gefühle.

 

Als ich Malende, die ich nicht selbst begleitet habe, zu ihren Heilungserlebnissen beim Begleiteten Malen befragte, erzählte mir eine von ihnen von ihren Problemen beim Umgang mit den Kindern ihres Mannes aus erster Ehe. Sie hatte nach dem Malen eines Bildes die wunderbare Erfahrung gemacht, dass sich ihr Umgang mit den Kindern plötzlich sehr entspannte und sie im Kontakt mit ihnen viel mehr sie selbst sein konnte als zuvor. Das Malen des Bildes, der Kontakt mit ihm, das Richten der Aufmerksamkeit auf das Geschehen im Bild verbunden mit den neuen Gefühlen, die sie dabei hatte, hatte etwas in ihr verwandelt und spürbar geheilt:

„Zum Zeitpunkt des Malens war ich sehr eifersüchtig auf die Kinder meines Mannes, da sie seine volle Aufmerksamkeit hatten und er gegenüber ihnen sehr tolerant war, während ich mich von ihm unverstanden fühlte. 

Es entstanden drei kleine Entlein auf einem Teich, der wie ein geschützter Raum wirkt. Zwei sind zusammen, eins eher für sich (wie auch bei den Kindern), trotzdem bilden die drei eine Einheit. Am Ufer ist die Entenmama, sie ist ganz auf sich konzentriert und wirkt stark, positiv, vertrauenserweckend. Sie ist präsent, sie ist da. Die drei Entlein schauen zu ihr hin. 

Erst habe ich das Bild sehr zögerlich gemalt. Die drei Entlein waren als erstes da. Aber die Entenmutter habe ich dann sehr zügig und sicher gemalt.

Mir ging es nach dem Bild sehr gut. Es hat mir Kraft gegeben, da es mir zeigte, wie präsent ich bin, dass ich da bin – die anderen schauen zu mir. Es hat mir die Eifersucht genommen, zwar nicht komplett, aber sehr gemildert, so dass ich wieder bei mir sein konnte.“[20]

 

Dieses Bild veranschaulicht außerdem, dass Themen, die während des Malens auftauchen, immer in Verbindung stehen mit unseren Lebensthemen, die gerade gewissermaßen „obenauf“ liegen. Gemäß der Gestalttherapie tritt eine Figur (ein aktuelles, obenauf liegendes, „brennendes“ Thema) vom Grund (alle unsere Themen) hervor in den Vordergrund. Ist das Thema durch das Malen gewissermaßen erledigt, tritt die Figur wieder in den Hintergrund und macht Platz für eine neue, die hervortritt und angeschaut werden möchte. So schreiten wir langsam aber stetig voran, entwickeln uns weiter mit jedem Arbeiten an einer neuen Figur, gelangen Schicht um Schicht tiefer zu unserem Selbst und finden dabei zu neuen Erkenntnissen.

 

„Bilder führen immer zum zentralen Thema. Wenn man sich ihnen anvertraut, fordern sie nie Übermäßiges, gehen nie den direkten Weg, zeigen uns immer wieder neue Aspekte, und bringen uns behutsam zu neuen Einsichten.“[21]

 

Kontakt auf drei Ebenen

 

Kontakt stellt sich beim Begleiteten Malen wechselseitig dar zwischen der Malenden, dem Bild und der Malleiterin.

Kontakt und Heilung geschehen auf drei Ebenen: der Beziehungsebene, der Prozessebene und der Bildebene.

 

Beziehungsebene

Ebenso wie auch der Arzt oder Heiler ist die Malleiterin Hebamme für die Heilung[22], denn mit ihrer Hilfe entsteht ein Prozess, der sich analog im Leben der Malenden auswirken und eine heilende Wirkung entfalten kann. Außerdem sorgt sie für die Bilder, die entstehen, und hilft wie eine Hebamme bei ihrer „Geburt“.

 

Im Malprozess hilft die Malleiterin der Malenden, Beängstigendes nicht zu vermeiden, Neues und Hilfreiches nicht zu übersehen und nicht verhaftet zu bleiben in ihren alten Möglichkeiten, mit Dingen umzugehen. In solchen Situationen braucht die Malende die Hilfe von außen. Die Malleiterin ist da, um sie im Malprozess zu begleiten, zu unterstützen, um zu klären und gegebenenfalls zu konfrontieren.

 

Der ungebrochene Kontakt zwischen Malleiterin und Bild sowie zwischen Malleiterin und Malender ist wichtig, damit die Malleiterin immer direkt im Geschehen ist. Damit sie weiß und spürt, womit die Malende im Moment beschäftigt ist und damit sie nicht die wichtigen Momente verpasst, die der Malenden helfen könnten, den Weg der Heilung weiter zu beschreiten. Außerdem hat die Präsenz der Malleiterin, dieses Sein im Hier und Jetzt, den Effekt, dass auch die Malende auf die Gegenwärtigkeit fokussiert wird.

 

Ebenso wichtig ist andersherum der Kontakt der Malenden zur Malleiterin. Die Echtheit der Malleiterin, ihr sensibles, einfühlendes Verstehen und ihre Akzeptanz der Malenden gegenüber (vgl. äußerer Kreis) haben eine wohltuende und die Heilung fördernde Wirkung. Erinnern wir uns an den Placebo-Effekt: Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Arzt und Patient fördert die Heilung. Dies ist auf die Beziehung zwischen Malleiterin und Malender analog übertragbar.

 

Bei einer Malenden habe ich das Bedürfnis nach Begleitung sehr intensiv gespürt. Sie fühlte sich ohne meine direkte Nähe regelrecht allein gelassen und brauchte sehr lange meine intensive Zuwendung. Im Laufe des Malens und des sich Einlassens auf das Bild wurde es dann anders, sie konnte mehr für sich sein und war näher an ihrem eigenen Erleben. Meine Anwesenheit und Nähe wurde von der Malenden als wohltuend und förderlich in ihrem Prozess empfunden. Heilung wird möglich, wenn die Malende darauf vertrauen kann, dass ich als Leiterin für sie da bin.

 

Im Begleiteten Malen wird davon ausgegangen, dass sich die Beziehungen der Malenden aus dem Alltag in der Beziehung zur Malleiterin spiegeln. So wird die Malleiterin in einem Übertragungsprozess immer wieder mal z.B. zum Partner oder Elternteil, zum Lehrer oder Chef. Mit Hilfe der Malleiterin werden die Beziehungsmuster aus dem Alltag für die Malende erfahrbar und können aufgearbeitet werden. Die Malende kann ihre wirklichen Bedürfnisse innerhalb dieser Beziehungen wahrnehmen und für diese Verantwortung übernehmen.

 

Allein dieses Bewusstwerden ist schon ein Stück der Heilung, die beim Begleiteten Malen geschehen kann.

Und: Der Mensch ist ausgelegt auf Beziehung. Im Vis-à-vis kann er sich besser erkennen. Dafür ist sein Gehirn ausgestattet mit einer ganzen Batterie von Spiegelneuronen. Diese doppelt angelegten Nervenzellen haben die Aufgabe der Kommunikation nach außen. Sie ermöglichen dem Menschen, empathisch wahrzunehmen, was sein Gegenüber denkt, fühlt und erkennt.

 

Beziehung ist ein „mächtiger Vermittler im Heilungsprozess, denn die Veränderung alter Muster ist keine Folge rationaler Entscheidungen, sondern wird erst möglich, wenn die Gefühle von zwei Menschen in Resonanz treten, und das gilt auch zwischen Therapeut und Patient.“[23]

 

Prozessebene

 Ebenso, wie Heilung sich als ein Weg darstellt, geschieht auch das Begleitete (heilsame) Malen in einem Prozess.

 

Das, was die Malende während dieses Prozesses erlebt, ist häufig verbunden mit einem Gefühl der Angst. Sie beginnt immer dort, wo etwas Neues, etwas nicht Gekonntes oder Bekanntes in unser Leben tritt – immer dort, wo wir uns einer Situation noch nicht gewachsen fühlen.

 

Beim Begleiteten Malen beginnt die Angst oft schon in dem Moment des ersten Farbauftrages: wenn wir uns darauf einlassen, zu malen ohne vorher zu planen. Wir wissen nicht, was da kommt, es ist gänzlich neu – und erzeugt deshalb Angst. Meistern wir diese Angst, so führt uns das weiter, wir machen einen Entwicklungsschritt. Dort, wo Angst ist, ist mithin ein Potential für Heilung.

 

Im Malprozess stellt sich die Angst der Malenden oft als Blockade dar (es geht plötzlich nicht mehr weiter), als Widerstand (Verhalten als Selbstschutz-Maßnahme, die früher als beste Lösung erlebt wurde, heute aber Probleme schafft) oder als Vermeidung (die Malende weicht einer angstmachenden Stelle im Bild aus, z.B. durch Übermalen oder an anderer Stelle Weitermalen).

 

Diese Ängste binden eine enorme Menge an Energie – ungeachtet dessen, dass sie vielleicht schon seit der Kindheit bestehen, damals noch sinnvoll waren, aber heute, erwachsen, eigentlich gar nicht mehr so bedrohlich sein müssten.

 

So liegt auf der Angst, auf Blockierungen und Widerständen ein wichtiger Fokus beim Begleiteten Malen. Es gilt nicht, sie möglichst schnell zu überwinden, sondern sie zuzulassen und anzuschauen. Erst durch die Wahrnehmung, durch das wirkliche Fühlen der Gefühle, entsteht ein Raum zum Lernen und Entscheiden[24]. Gefühle müssen zunächst gefühlt werden, bevor sie sich wandeln können. Lassen wir sie zu, können wir Ereignisse tief nacherleben, einen neuen, ver-wandel-ten Umgang mit ihnen finden und zu neuen Entscheidungen, Erkenntnissen und Verhaltensweisen kommen.

 

Beim Begleiteten Malen geht es deshalb darum, von den Malenden mehr über die Angstmomente zu erfahren und sie für die Malenden erfahrbar zu machen. Wenn Malende z.B. plötzlich die Malrichtung oder die Farbe wechseln, fragen wir beispielsweise:  „Was ist an dieser Stelle geschehen? Was hast du da gedacht / gefühlt?“ Die Malleiterin versucht, zu dem Gefühl hinter der Angst vorzudringen und dies zusammen mit den Malenden anzuschauen.

 

„Hinter jeder Angst steckt etwas, das nicht lebendig sein darf.“[25]

 

Mit diesem Etwas kann nun malend weiter gearbeitet werden.

 

Das, was da nicht lebendig sein darf, ist eine verborgene, ungelebte Qualität von uns[26] – die nun malend gestärkt werden kann. Diese Qualität gehört aber eigentlich zu uns. Sie zu stärken, bedeutet, ein wenig mehr ganz und heil zu werden in unserem Wesen.

 

„Statt unsere ganze Aufmerksamkeit auf unsere Defizite, Schwierigkeiten und Wunden zu richten, heben wir unseren Blick und erweitern damit unseren Horizont. Unsere Energie folgt unserer Aufmerksamkeit. Wir lösen uns so vom Problembewusstsein hin zu dem, was uns darin unterstützt, wieder heil zu werden, uns heil zu fühlen – uns wieder mit unserer Essenz zu verbinden.“[27]

 

Bildebene

Als wirklich entscheidend für den Prozess der Heilung, sehe ich den Kontakt der Malenden zu ihrem Bild.

Er ist wesentlich für eine Wandlung. Und so zielt die Arbeit im Atelier immer wieder darauf ab, dass die Malende in Kontakt kommt mit ihrem Bild.

 

„Das Bild berühren und sich vom Bild berühren zu lassen, ist immer wieder der Sinn des Malens.“[28]

 

In dieser Aussage von Bettina Egger zeigt sich die Definition des Kontaktbegriffs nach der Humanistischen Psychologie: Berührung.

 

Berührung schließt sowohl die sensorische (Wahrnehmung der Innen- und Außenwelt / der inneren und äußeren Bilder), als auch die motorische (z.B. etwas anfassen) mit ein. Beim Malen sind wir in Kontakt, in Berührung, mit dem Bild durch das Auftragen der Farben (motorisch) und durch das Wahrnehmen des Gemalten sowie der eigenen Gefühle und der inneren Bilder, die damit in Verbindung stehen (sensorisch).

 

Diese Berührung mit dem Bild verändert die Malenden, (wie der Begriff der dynamischen Beziehung zuvor schon gezeigt hat).

 

Im Idealfall führt sie zu Wandlung und Heilung.

Die Graphik rechts von Katina Kalpakidou veranschaulicht, dass die Art und Weise, in der Malende ihre Bilder  malen, mit ihrer Art und Weise zu leben, korrespondiert. Die Bildebene besitzt somit eine Resonanz auf die Lebensebene. Indem sie jenseits des Denkens auf uns wirkt, nimmt sie direkten Einfluss auf unser Gehirn und damit auf unsere Handlungen. Neue Bildlösungen, die beim Malen entstehen, wirken sich dadurch als neue Lebenslösungen aus.                                               (Foto: Münsteraner Institut für Humanistische Kunsttherapie, Weseler Str. 38, 48151 Münster, Katina Kalpakidou)

Neue Lösungen im Bild werden also zu neuen Lösungen im Leben. Hier geschieht Wandlung – und Heilung.

 

Bilder können aber nur dann einen verändernden Einfluss auf die Gehirnstruktur nehmen, wenn man sich vorher keine Vorstellung davon macht, was man malt. Dann kann ein Bild entstehen, das noch offen ist und Neues bringt. Immer wieder wird auf Bildebene geschaut: Was ist wo und wie? Malend werden Dinge „in Ordnung gebracht“, es werden malend neue Lösungen gefunden.

 

Die Malenden malen, was „nötig“ ist für das Bild und, indem sie sich um ihr Bild kümmern, kümmern sie sich gleichzeitig um sich selbst.

 

Das, was im Bild erscheint, ist dann eigenständig und neu und ermöglicht der Malenden neue Erlebnisse – mit Hilfe der Malleiterin, die sich um das Bild kümmert und der Malenden hilft, im Hier und Jetzt zu sein, hinzusehen und hinzufühlen.

Das Bild wird dabei zu einem Sinnbild, das nicht mit Worten er-klärt, sondern schon während des Entstehungsprozesses mit Hilfe der Malleiterin ge-klärt wird. Zunächst noch bedeutungslos, bekommt das Bild durch den Arbeitsprozess einen immer tieferen, metaphorischen Sinn. Er entfaltet sich für die Malende im Kontakt, in der Berührung.

 

Der Kontakt mit dem Bild wird erleichtert durch das Phänomen der bereits erwähnten Spiegelneurone. Diese Nervenzellen lösen im Gehirn während der Wahrnehmung oder Vorstellung eines Ereignisses die gleichen Dinge aus, als wenn der Mensch die Geschehnisse nicht passiv beobachtet oder sich vorgestellt, sondern sie aktiv gestaltet hätte.

 

„Beim Begleiteten Malen reagieren die Malenden auf das Bild, indem ihre Spiegelneuronen aktiv werden. (…) Die Vorgänge beim Malen wirken für die Malenden, als hätten sie diese wirklich erlebt.“[29]

 

Neue Erfahrungen auf Bildebene durch Veränderungen am Bild kommen damit einem echten Erlebnis also so ausreichend nahe, dass auch im Gehirn eine Veränderung/Umstrukturierung erreicht werden kann. Voraussetzung für diese Veränderung ist eine Erfahrung mit emotionaler Beteiligung. Je größer diese Beteiligung ist, desto mehr verankern sich die neuen Bilder und die neuen Erfahrungen im Gehirn.

 

Dadurch entstehen neue innere Bilder, die, wie bereits gezeigt, auch die Wahrnehmung unserer Welt verändern. Und eine veränderte Wahrnehmung ermöglicht Wandlung.

 

So kann Berührung (Kontakt) mit dem gemalten Bild zu Wandlung, und somit zu Heilung, führen.

 

Kontakt zu sich selbst

 

Heilung geschieht als Selbstheilung über unser Bewusstsein und die Wandlung innerer Bilder.

 

Bewusstsein bedeutet auch: sich bewusst zu werden – seiner selbst, seines ganzen Wesens – und somit in Kontakt zu sein mit sich selbst.

Kontakt stellte sich dar als der zentrale Faktor, der beim Begleiteten Malen Heilung bewirken kann. Kontakt zwischen Malender, Malleiterin und dem Bild.

 

Das Begleitete Malen kann aber auch helfen, den Kontakt zu sich selbst wieder herzustellen - durch kleine Entscheidungen, die immer wieder getroffen werden müssen, durch Veränderungen im Bild, mit denen Malende in Resonanz gehen können, durch Wahrnehmung und Bewusstwerden. Wir werden immer wieder dazu aufgefordert, uns bewusst zu werden, was gerade ist. Die Malleiterin fragt dann z.B.: „Geht’s?“ „Was ist gerade?“ „Was war an dieser Stelle?“

 

Es geht darum, sich zu öffnen und allem, was im Hier und Jetzt ist, Raum zu geben, es wahrzunehmen.

Es geht darum, sich berühren zu lassen (Kontakt) von dem Bild, mit ihm in Resonanz zu gehen, Dinge auf Bildebene wieder „in Ordnung“ zu bringen – und damit auch in seinem Leben.

 

Auf diese Weise vervollständigt sich der Kontaktbegriff des oben beschriebenen Kontaktdreiecks: Es geht nicht nur um den Kontakt von der Malenden zum Bild und zur Malleiterin sowie von der Malleiterin zur Malenden und zum Bild – sondern auch um den Kontakt der Malenden zu sich selbst.

 

„Kreatives Malen ist daher ein Weg zur Heilung, ein Weg des Menschen zu sich selbst.“[30]

 

Zusammenfassung

 

Ich möchte an dieser Stelle meine wichtigsten Ergebnisse zusammenfassen.

Das Malen heilt auf drei Ebenen: der Beziehungsebene, der Prozessebene, der Bildebene.

 

Auf Beziehungsebene hilft die Malleiterin der Malenden durch Begleiten, Unterstützen, Klären, Konfrontieren und sorgt dafür, dass sie heilende Momente beim Malen nicht verpasst, sie übersieht oder ihnen ausweicht, weil sie Angst machen.

Im Malprozess spiegeln sich die Beziehungen der Malenden aus dem Alltag in der Beziehung zur Malleiterin. Sie werden für die Malende auf diese Weise erfahrbar.

 

Auf Prozessebene, also im Malprozess, wird nichts geplant, sondern gemalt, was kommt. Dadurch entsteht ein neues Bild, das im Prozess mit neuen Erfahrungen und Gefühlen verknüpft wird.

Dort, wo sich beim Malen Ängste zeigen, ist Bedarf für Heilung. Ängste weisen auf eine ungelebte Qualität hin, die malend gestärkt werden kann. Blockaden, Widerstände, Vermeidungen zeigen an, wo Heilung möglich ist. Die zugrunde liegenden Gefühle müssen gefühlt werden, bevor sie sich wandeln können. Ein neuer Umgang, neue Erkenntnisse, Verhaltensweisen und Entscheidungen werden dann möglich.

Oft werden durch das Malen Erinnerungen ausgelöst, die nacherlebt und mit neuem Blick betrachtet werden können. Es kann so zu einer neuen Einstellung den Erinnerungen gegenüber kommen, die nicht mehr als so belastend erlebt werden wie zuvor. Alte Verletzungen können auf diese Weise heilen.

Im Malprozess kommt die Malende in Kontakt mit sich selbst: durch Entscheidungen, die immer wieder getroffen werden müssen, durch Veränderungen im Bild, mit denen die Malende in Resonanz gehen kann, durch Wahrnehmung und Bewusstwerden.

 

Auf Bildebene geschieht Heilung durch Berührung mit dem Bild.

Unsere Art und Weise zu leben korrespondiert mit der Art und Weise zu malen. Werden beim Malen Dinge in Ordnung gebracht, wirken sich diese neuen Lösungen auf Bildebene als neue Lösungen im Leben aus.

Die Ereignisse beim Malen wirken auf das Gehirn, als hätte die Malende sie tatsächlich erlebt, denn es kann zwischen vorgestellten und erlebten Ereignissen nicht unterscheiden. Auf diese Weise kann das Malen einen verändernden Einfluss auf die Gehirnstruktur nehmen. Voraussetzung dafür ist eine Erfahrung mit emotionaler Beteiligung. Je größer sie ist, desto mehr verankern sich neue Erfahrungen im Gehirn. Dadurch entstehen neue innere Bilder, die die alten ersetzen oder verändern und die Wahrnehmung unserer Welt verändern. Und eine veränderte Wahrnehmung ermöglicht Wandlung und somit Heilung.

 



[1] Der Gesundheits-Brockhaus. Mannheim 1999, Begriff: Gesundheit

[2] Thorwald Dethlefsen / Rüdiger Dahlke: Krankheit als Weg. Bertelsmann Verlag GmbH. München. 32. Auflage 1998., S.18

[3] Vgl. Quantenphysik und Selbstheilung. DVD 2012. Vortrag Lothar Hollerbach. „Der Quantencode. Schlüssel zur inneren Freiheit“

[4] Vgl. Ulrich Warnke: Quantenphilosophie und Interwelt. Scorpio Verlag GmbH & Co. KG München 2013

[5] Ulrich Warnke: Quantenphilosophie und Interwelt. Scorpio Verlag GmbH & Co. KG München 2013, S. 153

[6] Vgl. Der Spiegel Ausg. 26/2007. Jörg Blech: Wundermittel im Kopf

[7] Frank Kinslow: Quantenheilung. VAK Verlags GmbH. Kirchzarten bei Freiburg 2009, S.66

[8] Vgl. Gerald Hüther: Biologie der Angst. Vandenhoeck u. Ruprecht Göttingen, 12. Auflage 2014

[9] Joachim Faulstich: Das Geheimnis der Heilung. Knaur Verlag 2010, S. 102

[10] Dr. Thomas Schmitt: Interview für den Film „Das Geheimnis der Heilung“. ARD 2010

[11] Vgl. Joachim Faulstich: Das Geheimnis der Heilung. Knaur Verlag 2010, S. 169

[12] Vgl. Katina Kalpakidou: Ausbildungsskript: Das metaphorische Bild

[13] Vgl. Christina Studer: Kinderwerkstatt Malen. AT Verlag. Aarau und München 2003, S. 14

[14] Bettina Egger: Bilder verstehen. Zytglogge Verlag Bern. 7. Auflage 2006, S.159

[15] Vlg. Katina Kalpakidou: Ausbildungsskript: Die Gestalttherapie

[16] Carl R. Rogers: Therapeut und Klient. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 21. Auflage 2012, S. 23

[17] Vgl. Katina Kalpakidou: Ausbildungsskript: Kontaktdreieck beim Begleiteten Malen nach Bettina Egger

[18] Vgl. Bettina Egger: Der gemalte Schrei. Zytglogge Verlag Bern. 2. Auflage 2001, S. 15

[19] Bettina Egger: Der gemalte Schrei. Zytglogge Verlag Bern. 2. Auflage 2001, S. 15

[20] Zitat einer Malenden

[21] Bettina Egger: Der gemalte Schrei. Zytglogge Verlag Bern. 2. Auflage 2001, S. 137

[22] Vgl. S. 9 dieser Arbeit

[23] Joachim Faulstich: Das Geheimnis der Heilung. Knaur Verlag 2010, S.54

[24] Vgl. Katina Kalpakidou: Ausbildungsskript: Gefühle

[25] Katina Kalpakidou: Ausbildungsskript: Praxiseinheit – Arbeit mit Ängsten

[26] Katina Kalpakidou: Aussage während der Ausbildung

[27] Maren Schneider: Seelenstärke. Kailash Verlag München 2014, S. 163

[28] Bettina Egger: Der gemalte Schrei. Zytglogge Verlag Bern. 2. Auflage 2001, S. 135

[29] Katina Kalpakidou: Ausbildungsskript: Spiegelneurone

[30] Bettina Egger: Bilder verstehen. Zytglogge Verlag Bern, 7. Auflage 2006, S.160